Tourenbericht Silvretta

In Oesterreich sei’s billiger, hört man oft. Na ja, in Ischgl wollte der Billetteur für eine Seilbahnfahrt, vielleicht der Strecke Bidmi – Mägis entsprechend, nicht weniger als 38 Euro. Das war uns preisbewussten Oberhasli SAC-lern dann doch zuviel, und so lautete der Beschluss: „Mier loifen!“. Die Skifahrer, die uns auf der Piste begegneten, schauten zwar schon etwas verdutzt auf die bergwärts schreitenden Tourengänger, aber was soll’s! Schliesslich trugen wir unsere Sachen selber, und der vierstündige Aufstieg zur Wiesbadener Hütte gestaltete sich in der Folge sogar recht angenehm. Kurz unter der Hütte kreuzte unsere Spur auf einmal die Landesgrenze. Eine alte, rostige Tafel wies auf Ausweispflicht hin und untersagte die Einfuhr nicht deklarierter Waren in die Schweiz. Tatsächlich steht die Wiesbadener Hütte auf Gebiet der Gemeinde Ramosch GR, gehört aber dem DAV und wird von einer österreicher Familie aus Ischgl bewirtschaftet.

Sonntagswetter. Vom Piz Tasna (3179 m) geniesst man eine herrliche Aussicht zu den Bergketten der Bernina, des Ortler, Cevedale und wie sie alle heissen. Nach den frühsommerlichen Temperaturen in der Vorwoche hätte es kaum jemand für möglich gehalten, aber an den nordseitigen Hängen konnten wir noch Pulverschnee fahren. Nach einem Gegenanstieg im Sulz erfolgte eine bequeme Rückfahrt zur Wiesbadener Hütte. Vor der obligaten Jassrunde am Nachmittag liess sich Christine bis ins kleinste Detail einen im Aufstieg praktizierten G.S.o.P. erklären. Der Begriff stammt aus einer kürzlichen SAC-Versammlung; nähere Auskunft erteilt bei Bedarf der Tourenchef.

Dass es nicht ohne Risiko ist, in der Wetterbeurteilung gegen den Führer zu wetten, mussten einzelne Teilnehmer am Montag erfahren. Schon am Vormittag begann es zu schneien, aber die Windverhältnisse und die Sicht reichten noch aus, die Breite Krone (3079 m) zu besteigen. In respektvollem Abstand folgte uns ein gelber Aleinikov, weiter hinten eine Gruppe Spanier, die wir dann in der Jamtalhütte wieder sahen. Diese ist gross und sehr modern eingerichtet. Zimmer mit Lavabo, Kalt- und Warmwasser, Ski- und Trockenraum, genügend WC, Duschen, Telefon, Internet, es fehlt tatsächlich nichts. Auch die handwerkliche Verarbeitung ist einwandfrei; da war fraglos ein guter Architekt am Werk. Allerdings gleicht der Betrieb eher einem Hotel als einer herkömmlichen SAC-Hütte. Ein Schwatz mit dem Hüttenwart nach Feierabend bei einem Glas Roten ist kaum denkbar. Die meisten Gäste schätzen wohl den Komfort, um nicht zu sagen den Luxus. Es kommt immer darauf an, wo man die Prioritäten setzt.

Der Umbau der Jamtalhütte erfolgte im Jahr 1999, nachdem eine Staublawine das alte Refugium schwer beschädigt hatte. Tragisch dabei: Als es damals im Februar unaufhörlich zu schneien begann, erkannte der Hüttenwart die Gefahr und schickte seine Frau vorsorglich Tal auswärts nach Galtür. Dort ist sie bei der schrecklichen Katastrophe vom 23. Februar 1999 mit insgesamt 31 Toten ums Leben gekommen. Der Hüttenwart selber überstand die Lawine im Keller der Jamtalhütte.

Am Dienstag Morgen bläst ein kalter Nordwind, aber es ist heiter. Nonstop geht’s auf den hinteren Jamspitz (3156 m) mit einer ebenfalls grandiosen Aussicht. Abfahrt über den Jamtalferner in leichtem Pulverschnee, Wiederaufstieg zum Gemsspitz (3114 m), und dann geraten wir bei der Abfahrt über lange, schön geneigte Hänge richtiggehend ins Schwärmen. Da durften sich sogar die Spuren weniger begabter Skifahrer durchaus sehen lassen.

Die österreicher Wetterfrösche scheinen ihre Prognosen ebenso wenig im Griff zu haben wie die Schweizer. Angesagt war leichte Bewölkung, aber am Morgen ist der Himmel bedeckt, der Schnee aufgeweicht. Start Richtung Augstenberg. Statt einer Aufhellung senkt sich die Wolkendecke immer tiefer, es beginnt zu nieseln, und in der Fuorcla Chalaus empfängt uns dichter Nebel. Den Gipfel des Piz Blaisch (3228 m) besteigen wir trotzdem, aber von Fernsicht keine Spur. Nach der Abfahrt im „Pluder“ und bei teilweise schlechter Sicht haben wir als Skifahrer etwas weniger zu plagieren als am Vortag.

Am Donnerstag herrscht wieder Prachtswetter. Bei besten Bedingungen besteigen wir den 3197 m hohen Dreiländerspitz (Schweiz, Vorarlberg, Tirol). Gerade zum richtigen Zeitpunkt fahren wir über seidenweichen Sulzschnee ab zur Heidelberger Hütte. Dort ziehen in der warmen Nachmittagsonne einige Bluzger die Blicke der zahlreichen Schaulustigen auf sich. Besonders Olga und Harry zeigen sich sehr freizügig.

Der Piz Buin (3312 m) ist unser Ziel am Freitag. Wieder ist es zu warm für eine solid gefrorene Schneedecke. In der Buinlücke sehen wir gerade noch, dass im Engadin sehr wenig Schnee liegt und dass ein Ausstieg aus dem Silvrettagebiet durch das Val Tuoi eine mühselige Sache geworden wäre. Auf dem Gipfel indessen ist das Kreuz fast der einzig sichere Anhaltspunkt. Trotz Nebel wollen aber viele da hinauf. Menschen aus fast aller Herren Länder begegnen uns auf dem Abstieg.

Irgendwie musste es halt doch noch sein: Bruchharst vom schlimmsten. Wenn selbst Peter, der Führer und Skilehrer, den Schnee als kaum fahrbar bezeichnet, brauchen wir „Normalen“ uns nicht zu schämen, wenn uns kein anständiger Bogen gelingt. Zurück in der Hütte stellen wir leicht frustriert fest, dass der Piz Buin nun in der schönsten Nachmittagssonne erstrahlt. Aber um diese Zeit noch unterwegs zu sein, wäre angesichts des schlechten Schneedeckenaufbaus mit verschiedenen spontanen Rutschen auch kaum das Richtige.

Spätestens am Samstag haben alle „Lengiziiti“ und wollen heim. Vorher geht’s aber noch in die Lücke unterhalb des Rauber Kopfs, und dieser Abstecher entpuppt sich in der Folge als das Tüpfelchen auf dem i. Sulzschnee wie man ihn sich nicht schöner wünschen kann. Beinahe berauscht vor Vergnügen schwingen und carven wir durch das Bieltal hinaus, vorbei an der Bieler Höhe Richtung Galtür. Nach einem kurzen Fussmarsch erfolgt das letzte Stück der Abfahrt auf einer künstlich beschneiten Skipiste.

In Ischgl muss der Hotelier, auf dessen Parkplatz Heinz den Bus abgestellt hat, noch gehörig Dampf ablassen, aber dadurch lassen wir uns die frohe Stimmung und den unvergesslichen Gesamteindruck der Tourenwoche Silvretta 2011 nicht verderben. Danke allen, die zum guten Gelingen beigetragen haben.

Kurzporträt der Teilnehmer

●        Peter Schläppi, Bergführer, „Swiss Snowsport Education“ (so stand es auf der Jacke). Zu seiner Führung nur ein Wort: Danke!

●        Heinz Wagner, feucenter GmbH, Tourenleiter, Kommunikator, Retter in der Not, stets ausgerüstet für alle Eventualitäten.

●        David Gürtler, Imker, Ski- und Kanufahrer, Jasspartner, Allrounder. Was haben wir gelacht ob seinen träfen, trockenen Sprüchen!

●        Christine Vögtli, der gute Geist der Gruppe, Hilfsbereitschaft in Person. Christine tat uns „Mannevölchern“ gut, nicht nur der Gipfelküsse wegen.

●        Walter Schläppi-Kuster, der Grosatt. Schön dass ihn die jungen noch mitgenommen haben.

Walter Schläppi-Kuster (Fotos CD)