Vorgeschichte
Vor gut 40 Jahren ist Rosmarie Sletten aus dem Oberhasli im Berner Oberland nach Norwegen ausgewandert. Sie hat dort mit ihrem Mann, einem Norweger, eine Familie gegründet. Die Verbundenheit zur Schweiz ist Rosmarie aber bis heute geblieben. Die Familie hat auf dem Brünig eine Ferienwohnung und Kristoffer Sletten, Sohn der Familie, ist Mitglied des SAC Oberhasli. Letztes Jahr beteiligte er sich an einer Clubtour auf das Finsteraarhorn und machte bei dieser Gelegenheit den Vorschlag, eine Gruppe des SAC Oberhasli könnte doch einmal nach Norwegen kommen und Land und Skiberge rund um Molde kennen lernen. Madlen hat die Initiative ergriffen und zusammen mit Käthi diese Norwegentour organisiert. Im Vorfeld war zwar zu hören, dass auch in Norwegen der warme Frühling dem Schnee bereits arg zugesetzt habe, was uns aber nicht von unserem Vorhaben abhielt.
Samstag, 28.5.
Frühaufstehen ist angesagt. Unser Flug von Zürich nach Oslo startet zwar erst um 7 Uhr, aber Anreise und Einchecken nehmen Zeit in Anspruch, sodass Fiona und ich schon kurz nach 4 Uhr in Bern den Zug nach Zürich besteigen. Wir treffen den Rest der Gruppe, welche mit dem Auto angereist ist, im Flughafen. Es bleibt gar nicht viel Zeit, bis wir bei schönstem Wetter Richtung Norden unterwegs sind. Oslo empfängt uns mit Regen. Unser Weiterflug ist erst am Abend möglich, was eine lange Wartezeit auf dem Flughafen erahnen lässt. Aber Kristoffer hat vorgesorgt. Sein Schwager, Ragnar, empfängt uns mit einem kleinen Bus am Flughafen und führt uns durch die Gegend rund um Oslo und durch die Stadt. Eindrücklich ist die grosse Sprungschanze auf dem Holmenkollen, auf der Simon Ammann 2007 Weltmeister wurde. Dass sich beim anschliessenden Mittagessen der Wirt als Schweizer entpuppt, lässt fast heimatliche Gefühle aufkommen. Eindrücklich sind die gut erhaltenen, offenen Boote der Wikinger im Haithabu Museum, mit denen sogar der Atlantik überquert wurde. Eindrücklich ist schliesslich auch die alte Stadtbefestigung vor dem Hafen von Oslo. Aus dem Warten auf den Weiterflug wurde dank unserer norwegischen Freunde ein spannender und abwechslungsreicher Tag.
Während des Fluges nach Molde beschäftigt mich eine Frage. Wo ist der Schnee? Alles unter mir ist grün. Ich kann höchstens vereinzelte Schneeflecken ausmachen. Dann gehen wir halt wandern, denke ich. Der Landeanflug löst mulmige Gefühle aus, links und rechts nur Berge und unter uns Wald. Wo ist der Flughafen? Plötzlich setzt das Flugzeug auf. Wir sind tatsächlich auf einer Piste gelandet. Klein, überschaubar ist der ganz ins Meer hinaus gebaute Flughafen. Und nun empfängt uns Kristoffer, der von jetzt an unser ständiger Begleiter und norwegischer Führer sein wird. Schon am ersten Abend verwöhnt uns seine Frau Anna Margareta mit einer schmackhaften, norwegischen Fischsuppe. Wir essen im Hause der Slettens. Das Haus am Hang oberhalb von Molde, erlaubt eine atemberaubende Panoramasicht auf die 222(!) benannten Berggipfel rund um Molde. Und es hat noch Schnee! Ein Teil der Gruppe schläft für die erste Nacht im Hause der Slettens, der andere Teil bezieht die Unterkunft bei Skare in bescheidenen, aber durchaus wohnlichen Blockhütten mit Dächern aus Gras und kleinen Bäumchen darauf. Die Gastfreundschaft der Slettens ist unübertrefflich. Für die erste Nacht haben sie ihre drei Kinder, Knut-Magnut, Lars-Jakob und Anna-Helene tatsächlich ausquartiert, damit wir ein Nachtlager im Hause Sletten haben können. Ich schlafe in einem der Kinderzimmer. Angeregt durch die vorhandenen Spielsachen döse ich mit Erinnerungen an die eigenen Kinder bald friedlich ein.
Sonntag 29.5.
Ein sonniger Tag. Wir essen bei Slettens Frühstück und geniessen erneut die Aussicht auf die umliegenden Berge. Dann geht’s los mit zwei Mietwagen und dem Auto von Kristoffer mit Ski und Rucksack Richtung Berge. Die Anfahrt dauert ca. 1 Stunde. Wegen den unzähligen Fjorde, die sich oft weit bis ins Landesinnere erstrecken, wird ein scheinbar kurzer Weg von A nach B plötzlich sehr lang, weil man ja nicht der Luft- sonder der Küstenlinie entlang fahren muss. Zum Glück gibt es ein gut ausgebautes Netz von Autofähren, welche die Wege ganz erheblich verkürzen. Zudem gibt es an wichtigen Verkehrsverbindungen Untertunnelungen der Meeresarme, was die Verbindungszeiten noch einmal verkürzt. So fahren wir von Molde zunächst ganz gehörig in die Tiefe. Es tropft an verschiedenen Stellen der Tunnelwände und die Vorstellung, dass oberhalb ein Meer liegt, ist eher etwas unheimlich. Was, wenn das Meer plötzlich ein Loch findet? Aber schon sind wir wieder oben auf der anderen Seite des Meeresarmes. Bald treffen wir die nächste Lösung zur Abkürzung von Wegen an. Eine elegante Brücke schwingt sich hoch hinauf und überquert den nächsten Meeresarm. Zu guter Letzt fahren wir mit dem Auto auf eine Fähre und bewältigen das nächste Hindernis auf dem Weg zu unserem Tagesziel.
Geplant ist eine Skitour auf den Breitinden (=Breithorn), der sich 1920 m über das Meer erhebt. Die Höhe erscheint nach unseren Begriffen eher gering. Aber wenn man den Berg von der Meereshöhe aus betrachtet, bekommt er doch ein ganz alpines Aussehen. Und es hat durchaus auch steile Hänge, die bei Lawinengefahr Beachtung verlangen. Durch ein grünes U-Tal, in dem der Löwenzahn blüht, fahren wir in Richtung eines Passes. Erst vor kurzem wurde diese Strasse, welche in vielen Windungen in die Höhe kurvt, nach der Wintersperre wieder geöffnet. Ab etwa 900 m hat es Schnee. Wir parkieren unsere Wagen, schnallen die Felle an und tragen die Skis noch ein kurzes Stück, bis der Schnee durchgehend den Hang bedeckt. Die Schneedecke ist leicht gefroren, ohne dass die Harscheisen nötig sind. Käthi gibt ein angenehmes Tempo vor und wir kommen in zwei Gruppen gut voran. Nach einer Pause wird es steiler. Mit Harscheisen gelangen wir zu einem Grat, der im unteren Teil noch Schnee hat, am Schluss jedoch eine Spitzkehre in 45 Grad steilem Gelände erforderlich macht. Das gibt bei einigen von uns Probleme, aber bald wechselt der Schnee in einen breiten Felsgrat. Wir schnallen die Skis auf den Rucksack und steigen in einfacher Felskraxlerei den Grat hinauf. Oben kommt wieder flacheres Gelände auf dem wir mit angeschnallten Skis leicht den Gipfel erreichen. Die fast senkrecht abfallende Wand auf der Südostseite des Gipfels erlaubt einen spektakulären Tiefblick hinunter in die Talsohle. Das Wetter ist nun etwas durchzogen und eher kalt bei einer Temperatur um den Gefrierpunkt. Nach der Gipfelrast und dem obligaten Gipfelfoto macht ein Fläschchen mit Kräuterschnaps die Runde, was eine wohlige, innere Wärme erzeugt. In gut tragendem, noch leicht gefrorenem Schnee, der mit etwas Neuschnee vermischt ist, machen wir unsere ersten Schwünge Richtung Tal. Bald mündet das Gelände, parallel zu unserem Felsgrat, in einen recht steilen Hang. Der Schnee trägt gut und es gibt genügend Platz, sich die Stelle für die eigenen Schwünge auszusuchen. So macht Skifahren Spass. Meyi will dies aber nicht gefallen. Der Mut, einen Schwung im Steilhang zu wagen, scheint sie plötzlich zu verlassen. Erst das gute Zureden von Ueli führt dazu, dass sich Maja, die ja eine sehr gute Skifahrerin ist, wieder Richtung Tal bewegt. Im unteren Teil der Tour werden die Hänge flacher und bald erreichen wir in zunehmend weicherem Schnee unseren Ausgangspunkt. Insgesamt eine schöne Tour, die aber im Winter bei Neuschnee wohl nicht immer begangen werden kann. Wir fahren mit den Autos zurück und nehmen im Restaurant Skare neben unseren Unterkünften ein Nachtessen mit Selbstbedienung ein.
Montag, 30.5.
Ausgangspunkt für unsere zweite Skitour zum Alnestinden auf 1665 m ist der gleiche Pass wie am Vortag. Die einstündige Anfahrt im Auto stört eigentlich nicht, da sie Gelegenheit bietet, die Landschaft aus immer neuen Perspektiven zu betrachten. Da ich im Vordersitz neben Kristoffer sitze, erfahre ich einiges über sein Land Norwegen. Er arbeitet als Elektro-Ingenieur bei den staatlichen Elektrizitätswerken. Er sagt, dass Norwegen seinen Strom zu 99% aus Wasserkraft und zu 1% aus Windkraft erzeugt. Norwegen hat kein einziges Atomkraftwerk. Schön, wenn das auch bei uns so wäre. Norwegen ist mit hunderten von Fjorden sehr zerklüftet. Das führt zu einer sehr langen Küstenlinie. Obwohl es sicher grössere Länder mit Meeranstoss gibt, hat Norwegen die längste Küstenlinie der Welt. Das erschwert die Verbindungen innerhalb des Landes. Norwegen hat aber sehr gute Schiffsverbindungen und auch mit dem Flugzeug erreicht man entfernte Stationen in relativ kurzer Zeit. Beim Aussteigen macht sich ein starker Wind bemerkbar und alle ziehen die warmen Jacken an. Da man mit dem Wind weniger ins Schwitzen gerät, stört er zumindest im unteren Teil des Aufstiegs nicht sonderlich. Erst nach der Rast wird er so stark, dass man gelegentlich aus dem Gleichgewicht gerät. Wir durchqueren alte Lawinenkegel im steiler werdenden Gelände. Mit Lawinen ist aber bei den gegebenen Schneeverhältnissen nicht zu rechnen. Unsere beiden Gruppen ziehen sich ziemlich auseinander, da einigen der Aufstieg im starken Wind und zeitweiligem Schneetreiben im oberen Teil doch etwas zu schaffen macht. Auf dem Gipfel werden wir wieder mit einer prächtigen Aussicht belohnt. Da erstaunlicherweise der Wind hier deutlich nachlässt, ist sogar ein Picknick möglich. Die Schneeverhältnisse lassen bei der Abfahrt schöne Schwünge zu, nur der Wind wirkt sich auch beim Hinunterfahren im oberen Teil etwas störend aus. Im unteren Teil lässt der Wind nach, dafür bricht man beim weicher werdenden Schnee gelegentlich durch. Nach dem Einkauf von Souvenirs auf der Passhöhe - ich kaufe mir einen Rentier-Salami, der zwar etwa speziell aber doch ganz gut schmeckt - geht es mit dem Auto zurück nach Skare. Käthi und einige Helferinnen bereiten Gschwellti zum Nachtessen vor. Wir schätzen diese vertraute Mahlzeit sehr, ist doch für einige von uns das norwegische Essen vielleicht etwas fremd. Fremd ist für uns auch die Helligkeit während der ganzen Nacht, was zumindest das Einschlafen erschwert. Die Sonne verschwindet zwar gegen Mitternacht, richtig dunkel wird es aber nicht. „Ich mach eifach d’Ouge zue“ meint Meyi ironischerweise. Ich habe gehört, dass sie gar nicht gut geschlafen hat.
Dienstag, 31.5.
Bei regnerischem Wetter fahren wir heute zunächst zwei Stunden mit dem Auto nach Geiranger. Dies ist ein Ort am Ende eines besonders tief eingeschnittenen und weit ins Landesinnere reichende Fjords, der deswegen einige touristische Berühmtheit erlangt hat. Der Fjord wird jährlich von zahlreichen Kreuzfahrtschiffen befahren, obschon am Ende kaum Platz zum Umdrehen vorhanden ist. Geiranger wird auch von der norwegischen Hurtigrute während des ganzen Jahres regelmässig angelaufen. Während früher die Hurtigrute in erster Linie für Verbindungen innerhalb Norwegens diente und auch für Fracht zuständig war, hat die Linie heute zunehmend auch eine touristische Funktion. In den modernen und sehr komfortabel eingerichteten Schiffen befahren viele, vor allem ältere Touristen die norwegische Küste über eine mehr oder weniger lange Strecke. Die Reise ist nicht ganz billig, aber unser Tagesausflug als Gruppe kostet ohne Übernachtung und festen Mahlzeiten pro Person ca. 70 Fr., was uns eigentlich wiederum günstig erscheint. So steigen wir in Geiranger in ein kleineres Transportschiff, welches uns zum Hurtigschiff bringt, das in der Mitte des Fjordes auf ein- und aussteigende Gäste wartet. Das Umsteigen geht problemlos vor sich und schon bald sitzen wir gut geschützt und in angenehmer Wärme an einem Fenster des Schiffes. In langsamer Fahrt ziehen die mehrheitlich steil abfallenden Berghänge auf beiden Seiten des Fjordes an uns vorbei. Mich erinnert die Landschaft an den Urnersee. Bei dem verhangenen, regnerischen Wetter wirkt die Landschaft eher etwas triste, ähnlich wie bei uns bei solchem Wetter auch. Je mehr wir uns dem offenen Meer nähern, desto besser wird das Wetter und schon bald einmal lädt der schöne Sonnenschein uns aufs Schiffsdeck ein, von wo aus wir die wunderschöne Rundumsicht geniessen. Wir machen einen Zwischenstopp in Alesund. Das Anlegen des Schiffes ist spannend und aufregend. Alle suchen sich ein Plätzchen, von dem aus sich das Treiben beim Havenmanöver gut beobachten lässt. Einige unserer Gruppe benutzen den Zwischenhalt für einen kurzen Landgang. Aber schon bald sind wir wieder unterwegs Richtung Molde. Kurz nach Alesund gibt es eine sehr enge und wohl wenig tiefe Passage zwischen dem Festland und einer Insel. Die Fahrt des Schiffes verlangsamt sich entsprechend. Wir aber haben uns darum nicht zu kümmern sondern geniessen weiterhin die schöne Fahrt in den Abend hinein. Das Essen auf dem Schiff mundet allen, da sich jedes seine Mahlzeit nach eigenem Wunsch auslesen kann. Gegen 22 Uhr erreichen wir Molde, wo uns bereits Käthi mit dem Auto erwartet. Sie und Kristoffer haben sich nämlich „geopfert“, auf die Fahrt mit dem Schiff zu verzichten und stattdessen die Autos zurück nach Molde zu bringen. Körperlich war der heutige Tag nicht anstrengend, aber die Fahrt auf der bekanntesten Schifffahrtslinie Norwegens war für uns alle ein unvergessliches Erlebnis.
Mittwoch, 1.6.
Der heutige Tag wird für uns alle wiederum zu einem sehr eindrücklichen Erlebnis. Mit Ski und Rucksack fahren wir mit dem Auto auf die Hochebene von Rainsfjellet. Wenn ich mir eine nordische Landschaft vorstelle, so wäre dies wohl der Prototyp davon. Kleine Seen, Schneeflecken und Steinblöcke wechseln ab mit mooriger Landschaft und kleinem Buschwerk. Links und rechts der Hochebene erscheinen stets neue Berge mit eher sanft ansteigenden, aber noch meist schneebedeckten Hängen, die zum Skifahren einladen. Immer wieder verlangsamen wir unsere Fahrt oder halten an, um Fotos zu schiessen. Eindrücklich ist auch das besondere Licht, das wohl zum Eindruck des Norden gehört. Zwischendurch durchqueren wir Schneewände, die vom Ausschneiden der Schneefräse entstanden sind. Nach eindrücklicher Fahrt beäugt Käthi einen Hang und prüft, ob dieser noch durchgehend Schnee für eine Skitour hat. So heisst es bald einmal, Felle aufziehen und sich für eine, wohl eher kurze Skitour bereitmachen. Bei herrlichem Sonnenschein steigen wir zügig aufwärts. Aber je höher wir steigen, desto mehr überzieht sich der Himmel, und das Licht wird etwas diesig. Bald erwacht auch der Wind wieder. Auf dem flachen Gipfelplateau wird es eisig kalt, sodass niemand lange verweilen will. Ein kurzer Lunch muss genügen, und schon bald fahren wir zunächst in flachem Gelände hinunter. Da es hier oben viele apere Stellen hat, ziehen wir einige Male die Ski für kurze Stücke wieder aus und tragen sie zum nächsten Schneefleck. Nun wird das Gelände steiler, der Schnee ist jetzt nicht mehr unterbrochen, und wir alle geniessen die kurze, aber schöne Abfahrt dieser Skitour. Wie ich meine Skis abschnalle, ahne ich ein wenig, dass dies die letzte Skitour der Saison gewesen sein könnte. Kurz unterhalb unserer parkierten Autos ist eine Felsklippe, die wir kurz besuchen. Man kann oben auf einem leicht überhängenden Felsen stehen, unter dem eine senkrechte Wand wohl einige hundert Meter tief ins Tal hinunter fällt. Ich wage es nicht, bis ganz an den Rand zu stehen (der Fels könnte ja plötzlich abbrechen wie eine Wächte!), aber schlussendlich legen wir uns alle auf den Bauch und strecken für Fotos unsere Köpfe über den Abgrund. Anschliessend fahren wir mit dem Auto auf einem andern Weg als bei der Hinfahrt und unter Benutzung einer Fähre nach Molde zurück. Familie Sletten empfängt uns wiederum mit einer hervorragenden norwegischen Spezialität, Roemergroet, zum Nachtessen. Einige treffen sich danach noch zum Jassen. Plötzlich klopft Meyi an unsere Tür und scharwenzelt in Modeschaumanier in entsprechender Kleidung durch unser Häuschen.
Donnerstag 2.6.
Es ist der Wunsch von Rosmarie Sletten, mit unserer Gruppe auf einer Wanderung über die Insel Otroya mitzukommen. Auch Anna Margareta und Knutt-Magnut kommen mit. Nach kurzer Autofahrt bringt uns die Fähre zur Insel. Wir lassen die Autos stehen und gewinnen zuerst über Weidland und dann über einen Waldweg langsam an Höhe. Der gute Waldpfad erlaubt das Gehen nebeneinander, was die meisten für Gespräche zu zweit nutzen. Bald kommen wir zu einem stillen Bergsee. Es hat ein paar Bänke am Ufer, die wir für eine kurze Rast nutzen. Von jetzt an hat es keinen Pfad mehr. Das Aufsteigen über das vegetationsreiche, aber nur niedrig bewachsene Bergland geht zunächst problemlos. Wiederholt treffen wir Elchkot an, aus dem Pilze wachsen. Auch das „Moltenbeeri“ wächst hier, das sehr schmackhaft ist und auch eine gute Konfitüre ergibt. Diese Beere kommt bei uns nicht vor, wird aber von den Einheimischen sehr geschätzt. Übrigens habe ich von Kristoffer erfahren, dass es in Norwegen sehr gute Erdbeeren gibt, die umso besser sind, je nördlicher sie angepflanzt werden. Das erstaunt uns zunächst, aber die Erklärung ist ganz einfach. In der Vegetationszeit der Erdbeeren scheint wegen des Polarkreises einfach immer die Sonne oder es ist zumindest immer hell. So wachsen die Erdbeeren recht schnell und sie werden auch gut reif. Unser Weg wird nun immer steiler und wechselt zu Felsblöcken, die wir aufsteigend überklettern. Ich staune, wie gut der kleine Knutt-Magnut mitkommt. Aber nun nimmt der Wind extrem zu, sodass wir auf dem Gipfel (ich weiss nicht, ob er einen Namen hat) fast weggeblasen werden. Wir ducken uns etwas unterhalb des Gipfels in eine Mulde, die aber kaum Schutz für ein kurzes Picknick gibt. Bald brechen wir auf und steigen auf der anderen Seite des Berges ab. Noch nie habe ich Berggras bei so starkem Wind richtig pfeifen gehört. Jetzt hat Knutt Magnut plötzlich kalt und will nicht mehr weiter. Käthi nimmt sich ihm sehr liebevoll an, zieht ihm zusätzliche wärmere Kleidung an und nimmt ihn kurz entschlossen auf den Rücken. Wir verzichten angesichts des Wetters und der Situation mit Knutt Magnut darauf, noch den nächsten Berggrat zu begehen, sondern steigen jetzt durch recht steiles Gelände ab, das mit tiefem Gras und Buschwerk bewachsen und mit etwas glitschigen, kaum sichtbaren Steinbrocken durchsetzt ist. Mir macht dieser Abstieg Mühe, weil ich nicht ausrutschen und mir einen Haxen brechen will. Ich staune, wie andere leichtfüssig nach unten gehen. Ich merke sehr wohl, dass es in der Gruppe Leute hat, die mit Berghängen dieser Art aufgewachsen sind. So kommt der gute Rat von Margaretha nicht ganz von ungefähr „Ganz langsam, Franz. Weißt du, ich bin Kinderskilehrerin und mit Kindern muss man auch ganz langsam gehen“. Einerseits bin ich froh um den Rat, andererseits komme ich mir dann doch etwas wie ein völliger Anfänger vor. Aber was soll’s! Wir sind bald einmal alle heil unten und gelangen auf ein Strässchen, auf dem wir zügig zu unseren Autos gelangen, die inzwischen wie von Geisterhänden auf die andere Inselseite gebracht wurden. Zurück in Molde sind wir bei der Mutter Anna Margarethas zu Kaffee und Waffeln eingeladen, was wir sehr geniessen und verdanken. Auch sie wohnt in einem schönen Haus am Hang mit prächtiger Aussicht. So geht ein ereignisreicher Tag bald seinem Ende entgegen.
Freitag, 3.6.
Kristoffer will uns Norwegen von seiner vielseitigen und besten Seite zeigen. Er hat für uns Fischen im Meer auf einem Fischerboot organisiert. Ich bin gespannt darauf, wie das vor sich gehen wird. Da ich oft auf dem Meer segle, weiss ich, wie rasch man bei wenig Bewegung kalt bekommt. Ich befürchte, dass wir bei dem stets vorhandenen Wind alle bald jämmerlich frieren werden, obschon die Temperatur bei über 10 Grad liegt. Einige von uns befürchten, dass sie seekrank werden könnten, und so kommen Helen, Ueli und Meyi nicht mit aufs Schiff. Aber bevor es soweit ist, fahren wir bei leichtem Regen mit dem Auto in Richtung Haholmen Havstuer, eine kleine Insel am Rande des Meeres. Die Strasse führt uns der Küste entlang und teilweise über Inseln. Wir fahren über eine spektakuläre Brücke, welche steil nach oben und wieder hinunter führt, dabei aber auch eine starke Biegung nach rechts macht. Wir halten bei einem nachgebauten Wikingerboot, das uns zusammen mit andern Gästen zur Insel Haholmen Havstuer führt. Erst dort werden wir das Fischerboot besteigen. Und nun staune ich nicht schlecht. Wir erhalten alle Fischeranzüge aus schwerem, aber sehr warmem Material, und ich merke, dass meine Ängste, wir müssten frieren, völlig unbegründet sind. Unsere Gruppe sieht in den rot-blauen Overalls recht gut und profimässig aus. Da es auf dem offenen Meer hohe Wellen hat fahren wir mit dem Fischerboot in einen geschützten Fjord. Das Schiff bleibt stehen und alle erhalten ein Handfisch-Set. An der langen Leine sind 6 bis 8 Widerhaken mit Ködern befestigt, die wir nun alle auf Anleitung des Kapitäns in rhythmischen Bewegungen im Wasser absenken und wieder aufziehen. Wir probieren dies an verschiedenen Stellen, doch kein Fisch will auf unser Unterfangen hereinfallen. „Es ist wohl nicht das richtige Wetter“ meint der Kapitän halb entschuldigend, und er beschliesst nach einiger Zeit wieder zurückzufahren. Wir ziehen die Leinen ein, doch genau in diesem Moment beisst ein rechter Brocken bei Kristoffer an. Er zieht ihn erfreut aufs Schiff und alle staunen und lachen über den beachtlichen Fang. Am meisten Freude und Stolz zeigt aber Knutt-Magnut, der von jetzt an den ca. 3 kg schweren Fisch in einem Sack nach Hause tragen darf. Wir werden auf der Insel noch mit einer fein schmeckenden Fischsuppe verpflegt, doch einige essen nur die Suppe und lassen den Fisch weg. Käthi meint, dass sie mit diesen „Engerlingen“ in der Suppe nichts anfangen kann. Nach dem erfolgreichen Fischfang verlassen wir die Insel und fahren entlang der Küste mit Unterbrüchen für kleine Wanderungen nach Molde zurück. Am Abend gibt es selbstgemachtes Birchermüesli, das ausnahmslos von allen gegessen wird.
Samstag, 4.6.
Ein trüber, nasskalter Tag beginnt. Es regnet ziemlich ergiebig, und niemand hat Lust, bei diesem Regen auf eine Wanderung oder sogar auf eine Skitour zu gehen. So beschliessen wir, mit den Autos nach Molde ins Zentrum zu fahren, um noch Souvenirs zu kaufen oder sonst einfach zu „Lädele“. Gegen Mittag klart das Wetter auf, und die Sonne kommt wieder zum Vorschein. Der Grossteil der Gruppe geht zurück nach Skare, um von dort aus eine Wanderung auf einen kleinen Berg zu unternehmen. Nun wird mir klar, was Wanderungen in Norwegen von Wanderungen bei uns in den Bergen unterscheidet. Es hat in Norwegen kaum Wege und so ist das Vorwärtskommen durch den Wald durchs Gebüsch und über Steinblöcke erschwert. Wir erreichen aber einen namenlosen Gipfel und geniessen einmal mehr einen schönen Rundblick. Froh darüber, dass wir uns an diesem Tag doch noch richtig bewegen konnten, kehren wir zurück. Wir sind am Abend noch einmal bei der Familie Sletten zum Nachtessen eingeladen. Als erstes gibt es für jedes von uns ein Stück von unserem Fisch, der jetzt in schmackhaften kleinen Portionen zubereitet ist, sodass es für alle reicht. Es folgt eine Gemüsesuppe mit Elchfleisch von einem Elch, den Kristoffer als Jäger sebst erlegt hat. Es mundet allen sehr. Zum Dessert gibt es selbstgebackene norwegische Waffeln, die weich sind und die man in der Hand zu einer Art Cornet formt. Danach füllt man sie mit Erdbeer-, Heidelbeer- oder Moltenbeerkonfitüre und gibt etwas Sahne darauf. Das schmeckt sehr gut, so bleibt am Schluss kaum etwas übrig. Die Konfitüre wird nicht wie bei uns gekocht. Die Früchte werden kalt püriert, mit Zucker und einem Gelierpulver vermischt und danach tiefgefroren. Das gibt beim Essen viel mehr den Eindruck von frischen Früchten als dies bei unseren Konfitüren der Fall ist. Wir zeigen uns alle begeistert, erkundigen uns nach dem Pulver und fragen, ob man uns nicht ein paar Päckchen nach Hause schicken könnte. Da geht es nicht lange und die Mutter von Anna Margareta kommt mit 28 Pulversäckchen daher, die wir mitnehmen können. Sie ist schnurstracks in den nächsten Laden gegangen und hat sämtliche noch vorhandenen Säckchen für uns aufgekauft. Einmal mehr sind wir an diesem Abend beeindruckt und dankbar für die grosse Gastfreundschaft der Familie Sletten.
Sonntag, 5.6.
Heute ist die Heimreise. Wir packen unsere Sachen, verladen sie ins Auto und fahren noch einmal zum Haus der Familie Sletten. Da unser Flugzeug erst am Abend fliegt, bleibt uns Zeit, zusammen mit Slettens auf eine Bergwanderung, diesmal direkt oberhalb von Molde, zu gehen. Es ist quasi das Naherholungsgebiet von Molde. Ich bin immer wieder erstaunt darüber, wie wenig hoch man in Norwegen gehen muss, um über die Baumgrenze zu kommen. Sie liegt auf etwa 500 bis 600 Metern über Meer. Unser Berg ist etwa 700 m hoch. Bei schönem Wetter wandern wir über den Höhenzug und geniessen noch einmal die herrliche Aussicht auf das Panorama von Molde. Es kommt mir fast vor, wie wenn man vom Jura aus den Alpenkranz sieht. Die ganze Familie Sletten kommt mit. Ich staune, wie gut und sicher sich die Kinder auf diesen Bergpfaden bewegen. Sie sind es sich offenbar gewohnt. Bevor wir wieder in die Autos steigen, machen wir noch einen Halt im „Gipfelrestaurant“. Zurück bei Slettens Haus müssen wir uns verabschieden. Wir wissen gar nicht, wie wir uns richtig bedanken können. So möchte ich an dieser Stelle im Namen unserer ganzen Tourengruppe der sehr gastfreundlichen Familie Sletten noch einmal sehr herzlich danken. Das war wirklich super. Ein herzliches Dankeschön geht auch an Käthi für die sehr gute Führung und Leitung unserer Gruppe während dieser nicht ganz alltäglichen Tourenwoche. Wir fahren zum Flughafen, verladen unser Gepäck und heben im Abendlicht ab Richtung Schweiz. In Gedanken gehen uns nochmals die vielen schönen Eindrücke und Erlebnisse einer sehr abwechslungsreichen Tourenwoche in Norwegen durch den Kopf. Wir werden davon wohl noch lange zehren.
Tourenleiterin: Käthi Flühmann, Bergführerin
Teilnehmende: Magdalena Blatter, Fiona Burkhard, Meyi Dütsch, Madlen Ernst, Ueli Ernst, Franz Kaufmann, Margret Wieland, Margaretha Eggenschwiler, Helene Mathyer-Schild, Annette Oester
Bericht: Franz Kaufmann